Musik

Der Musikunterricht an der Waldorfschule ist vornehmlich dem Erhalt und der Pflege des Hörens gewidmet. Dies ist eine Aufgabe, der in unserem materiell orientierten Zeitalter mehr und mehr Bedeutung zukommt. An den Erhalt des Hörens ist aber das Wohl unseres sozialen Zusammenlebens geknüpft. Jede Gemeinschaft basiert auf der Kernkompetenz des gegenseitigen-Zuhören-Könnens.

Um das Hören pflegen zu können, ist es ratsam, sich einen altersgemäßen Zugang zu der entwicklungsbedingten seelischen Stimmung der Schülerinnen und Schüler zu erschließen.

Musik der Klassen 1 bis 3

Ein Same im Wind,
sanfte Schwünge der Erde entgegen:
Ein spielendes Kind.

Welche Musik passt zu der Stimmung, die ein selbstvergessen spielendes Kind um sich verbreitet? Eine Musik, die keinen Anfang, kein Ende hat, eine schwebende, träumerische Musik, die irgendwie entfernt klingt, in der selbst Melodisches kaum deutlich erkennbar wird. Für Erwachsene klingt solch eine Musik merkwürdig leer, absichtslos wie das Spiel der Kinder.

Die ersten drei Schuljahre bilden den Übergang zwischen dem Kindergarten und der Schule. Die Kinder vor dem neunten Lebensjahr haben ihren Platz auf der Erde noch nicht endgültig eingenommen. Alles ist noch Suche, vieles noch offen und im Bewegung.

Auf diese Seelenstimmung geht der Musiklehrer in seinem Unterricht, der vom Klassenlehrer begleitet wird, ein indem er die „Quintenstimmung“ in den Mittelpunkt der musikalischen Arbeit stellt. Jedes Kind lernt aus der Bewegung wichtige musikalische Grundelemente kennen. Die pentatonische Choroiflöte dient im Musikunterricht neben der menschlichen Stimme und der Kinderharfe als zentrales Ausdrucksmittel. Durch wiederholendes Üben wird die musikalische Merkfähigkeit, das Auswendiglernen, geschult.

Passend Jahresfesten, vor allem vor Johanni, zu St. Martin und im Advent treffen sich die Klassen der Unterstufe in einem Morgenkreis zum gemeinsamen Singen und Musizieren. An manchen Tagen gesellen sich auch Eltern hinzu, die ihre Kinder in die Schule gebracht haben und stimmen in den Gesang der Kinder mit ein.

Musik der Klassen 4 bis 6

Verwurzelter Stamm
steht ganz still, biegt sich im Sturm:
Ein entdeckender Mensch.

Zwischen dem neunten und zwölften Lebensjahr ist dem jungen Menschen seine Umgebung vertraut. In näherer und weitere Ferne gibt es aber viel Neues zu entdecken. Die „Terzstimmung“ entspricht dieser Seelenlage.

Im Musikunterricht halten die grundtonbezogenen Lieder Einzug. Das mehrstimmige Musizieren beginnt mit ersten Kanons. Die diatonische Flöte löst die pentatonische ab und die Sopranleier kommt als Instrument hinzu. Die Schülerinnen und Schüler erlernen jetzt in der Regel im Privatunterricht eines der klassischen Orchesterinstrumente. Der Musiklehrer berät die Eltern bei der Wahl des Instrumentes: Entspricht ein Streichinstrument, ein Blasinstrument, ein Schlaginstrument oder ein Tasteninstrument dem Wesen des Kindes? Im Klassenmusizieren nähern sich die Schüler schrittweise dem Erleben eines vierstimmigen Satz, entdecken das Phänomen der Melodie und des begleitenden Basses mit Harmonien und die gezielte Nutzung von Kontrasten als musikalische Ausdrucksmittel.

Das Empfinden des Dur- und Mollprinzips rückt immer mehr in den Mittelpunkt. Vom Standpunkt des eigenen Grundtones aus wird jetzt das Strahlende oder Verdunkelnde, das Lustige oder Traurige, das Heitere oder Ernste erlebbar. Musik schreiben und Notenlesen wird den Schülerinnen und Schülern als Grundlage für ihre weitere Arbeit vermittelt.

Im zweiten Halbjahr der fünften Klasse beginnt das klassenübergreifende Musizieren. Die Schüler der Mittelstufe (Klasse 5 bis 8)  treffen sich einmal in der Woche in verschiedenen Ensembles, dem Mittelstufenorchester, dem Mittelstufenchor oder der Flötengruppe um gemeinsam an einem musikalischen Projekt zu üben. Im Orchester werden in der Regel Bearbeitung für Schulorchester einstudiert: 2007/08 waren das zum Beispiel Ausschnitte aus Orpheus und Eurydike von Gluck, 2008/09 eine Bearbeitung des Sommernachtstraumes von Mendelssohn-Bartholdy und 2009/10 Ausschnitte aus der Mozartoper „Die Hochzeit des Figaro“.

Am Ende dieser Altersstufe steht manchem Schüler noch eine besondere Aufgabe ins Haus. Viele 6. Klassen bringen ein größeres musikalisches Werk auf die Bühne. Vor dem Stimmbruch der Jungen steht noch einmal der Gesang  im Mittelpunkt einer szenisch-gesamtkünstlerischen Arbeit. Die Bühnenstücke der 6. Klasse werden oft in zwei bis vier Besetzungen einstudiert, da eine stattliche Anzahl von Schülerinnen und Schülern solistisch auftreten möchten. Eine Reihe von Bühnenwerken kamen in den letzten Jahren in einer altersgerechten Bearbeitung zur Aufführung: „Die Zauberflöte“, „Max und Moritz“, „Des Königs Beruf“, „Orpheus und Eurydike“, „Das Gespenst von Canterville“ und zuletzt „Robin Hood“.

Musik der Klassen 7 bis 12

Entlassen aus Gott,
sich suchend im Menschwerden:
Ich geht ein ins Es.

Ab dem zwölften Lebensjahr, aber vor allem ab der Pubertät soll aller Unterricht den Jungen Menschen an die „Oktavstimmung“ heranführen. Ein Erleben, dass sich auch viele Erwachsene kaum vorstellen können. Der Mensch erlebt sich als der Schöpfung entwachsen und danach strebend sich in Freiheit wieder mit der Schöpfung, dem Göttlichen zu verbinden. In der Oktav finden wir den Grundton verwandelt auf höherer Stufe wieder.

Im Musikunterricht begegnen die Schülerinnen und Schüler in vielen Künstlerbiographien dem Ringen nach dem höheren Selbst. Genie und Scheitern liegen so dicht beieinander oder sind in mancher Biographie zwei Seiten ein und derselben Medaille. Die Grundlage hierfür bildet das schrittweise heranführen an die musikalische Werkanalyse, vergleichbar dem naturwissenschaftlichen Unterricht. Immer wieder werden Zusammenhän-ge mit den sozialen und zivilisatorischen Einflüssen aufgezeigt. Wo ist ein Künstler Kind seiner Zeit, wo wächst er über sich hinaus und schafft etwas „Bleibendes“.

Letztendlich kann die Oktavstimmung, da sie etwas Zukünftiges darstellt, den Schülerinnen und Schülern nur andeutungswiese durch die Interpretation der Musik oder die feine Auswahl der Komponisten und Musikstücke nahegebracht werden.

Das praktische Musizieren wird nicht nur im Klassenverband gepflegt. Auch in der Oberstufe geben verschiedene Ensembles Gelegenheit zum musikalischen Üben. Das Oberstufenorchester, der Oberstufenchor und die Rhythmusgruppe laden einmal in der Woche zum Spielen und Singen ein. An die Stelle der Literatur für Schulorchester treten nun im Oberstufenorchester klassische oder moderne Werke, die nach Möglichkeit im Originaltext einstudiert werden. Die Rhythmusgruppe beschäftigt sich hauptsächlich mit der Djembe, einer westafrikanischen Trommel und den dazugehörigen Basstrommeln, Dundun, Sangban und Kenkeni.

Neben den Auftritten auf den Schulfeiern und –festen bieten die Klassenspiele den Schülerinnen und Schülern der 8., 10. und 12. Klasse einen willkommenen Anlass ihr musikalisches Können unter Beweis zu stellen. So ist es schon fast zur Regel geworden, dass jede 10. Klasse ein fremdsprachliches Musical auf die Bühne bringt. In den vergangenen Jahren sind die „Westside Story“, „Rent“, „Les Miserables“ und „Grease“ mit Tanz, Musik und Gesang auf unserer Schulbühne zu sehen und zu hören gewesen.

Für manchen Jahrgang stellen sich einmalige Konstellationen als besondere Glücksfälle dar. So wird manch einem Mitglied der Schulgemeinschaft die Bühnenmusik zu Schillers „Don Carlos“, die Professor R. Kretschmer eigens für das Klassenspiel einer zwölften Klasse nach altspanischen Motiven komponierte, noch gut in Erinnerung sein.