„Nun singen sie wieder“

21.06.2011 17:37

Sehr ambitioniert zeigte sich die 12. Klasse der Freien Waldorfschule Erftstadt bei der Präsentation ihres Klassenspiels in Kombination mit ihrem künstlerischen Abschluss: In die Aufführung von Max Frischs „Nun singen sie wieder – Versuch eines Requiems“ von 1945 hatten sie tänzerische, musikalische und eurythmische Elemente eingeflochten.
Besonders eindrucksvoll waren die mit der Klassenbetreuerin Natascha Kirchmann eingeübten Passagen aus Benjamin Brittens „War Requiem“. Diese wurden zu Beginn von 21 ermordeten Geiseln gesungen und zogen sich als roter Faden durch das ganze Stück: Immer wenn ein Unrecht begangen wurde, sangen die Menschen, und das war sehr häufig, denn es ging um Krieg, vordergründig um die Verbrechen der Deutschen im Zweiten Weltkrieg, im weiteren Sinne um die universelle Frage nach Kriegsverbrechen, Opfer und Täter, Schuld, Verantwortung und die Möglichkeit der Versöhnung.
Zu dem Gesamtkunstwerk maßgeblich beigetragen hatte der Tanzchoreograph und Eurythmist Rob Barendsma, der die tänzerischen und eurythmischen Elemente in zwei Workshops mit den Schülern entwickelt hatte. In den folgenden Wochen erarbeiteten sich die Schüler unter der Regie von Slava Rozentuller ihre Gesamtpräsentation. Durch die Verbindung verschiedener künstlerischer Elemente, die auf hohem Niveau ausgeführt wurden, gelang es den Schülern, das gedankenschwere Stück auf eine emotionale und geistige Ebene zu heben, auf der es Max Frisch vermutlich auch sehen wollte. Der Autor selber gibt übrigens  keine klare Antwort, sondern zeigt das Geschehen aus Sicht beider Kriegsparteien, der Lebenden und der Toten, der Täter und der Opfer. Es gibt nur wenige zarte Hinweise darauf, dass Versöhnung möglich ist. Diese werden aber gleich wieder relativiert, denn die Botschaft der Toten im Himmel, dass der Tod umsonst sei, wenn die Lebenden immer die gleichen Fehler begehen, kommt bei den Menschen nicht an. So geht es, wie der Pope es ausdrückt, für jeden Menschen vor allem darum: „Kümmere sich jeder um seine eigene Schuld!“
Max Frisch, der im Mai dieses Jahres 100 Jahre alt geworden wäre, hatte in seinen Bühnenanweisungen vorgegeben, dass die Inszenierung auf realistische Bühnenbilder verzichten solle, um eine universell gültige Aussage zu treffen. Daran hielten sich die Schüler auch weitgehend. Nur an einer Stelle wurden Bilder und Lärm eines Kampfflugzeugs eingespielt. Spätestens jetzt war man als Zuschauer mitten im Geschehen und zuckte wie die dargestellten Menschen im Luftschutzkeller bei jedem „Bombeneinschlag“ zusammen. Ansonsten beschränkten sich die Schüler auf ihr ausdrucksstarkes Spiel.
Das Theaterprojekt und der künstlerische Abschluss in den Zeitkünsten (Musik und Eurythmie) sowie den bildenden Künsten (Malerei, Bildhauerei und Plastizieren) sind neben einer umfangreichen Jahresarbeit feste Bestandteile des Waldorfschulabschlusses, den die Schülerinnen und Schüler nach der 12. Klasse erreichen können. Zuvor absolvieren sie in der 11. Klasse die teilzentralen Prüfungen für die mittleren Schulabschlüsse. In der 13. Klasse können die Schüler an der Waldorfschule das Abitur ablegen. Interne Voraussetzungen für die Zulassung zum Abitur sind neben den entsprechenden Noten auch die erfolgreiche Teilnahme am Theaterprojekt und das Bestehen des künstlerischen Abschlusses.
Das nächste Theaterprojekt an der Waldorfschule ist am 15. und 16. Juli das englischsprachige Musical „Hair“, aufgeführt von der 10. Klasse.

Nina Hellmann

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