Les Misérables

07.07.2009 00:00

Les Misérables - Fremdsprachenmusical der 10. Klasse

Les Misérables
Les Misérables

Viermal knisternde Stille im Saal, über zwei Stunden anspruchsvolle Unterhaltung und Schülerinnen und Schüler, die über sich hinauswuchsen: In der Freien Waldorfschule Erftstadt standen nicht Weniger als vier Aufführungen des Musical-Welterfolgs „Les Miserablès“ nach dem berühmten Roman von Victor Hugo (1802-1885) auf dem Programm. Die Zuschauer, die möglicherweise mit einer vereinfachten deutschen Schülerfassung gerechnet hatten, bekamen die komplett durchgesungene, englische Originalversion geboten, aufgeführt von der zehnten Klasse der Waldorfschule.

Mit viel Einfühlungsvermögen und erstaunlicher Bühnenpräsenz zeigten und sangen die Schülerinnen und Schüler die Geschichte des 1815 aus fast 20-jähriger Haft entlassenen Galeerensträflings Jean Valjean, der sich vor dem Hintergrund von Not, Elend und sozialrevolutionärer Stimmung in Frankreich durch Opfer, Reue und Hingabe zu einem guten Menschen wandelt. „Es gibt nur eines auf der Welt: einander zu lieben“, sagt er auf dem Sterbebett, und hat mit seiner Lebensgeschichte das beste Vorbild für seine Mitmenschen abgegeben.

In ihren einleitenden Worten erläuterte die Klassenbetreuerin Natascha Kirchmann die zentralen Motive des Stücks, mit denen sich die Klasse in der Vorbereitung intensiv auseinandergesetzt hatte: Zum einen der Gegensatz zwischen einem unmenschlichen Gesetz – verkörpert durch den niederträchtigen und rachsüchtigen Polizeiinspektor Javert – und dem ehemaligen Dieb Valjean. Mit anfänglicher Hilfe eines gutherzigen Bischofs, vor allem aber mit innerer Stärke und Aufrichtigkeit wandelt sich Valjean trotz aller widrigen Umstände zum Guten und schenkt am Ende sogar seinem Widersacher das Leben. Zentrales und immer wiederkehrendes Motiv ist die Hingabe: Valjean, der sich der Tochter der verstorbenen Prostituierten Fantine annimmt; die sich mit den notleidenden Arbeitern solidarisierenden Studenten; die selbstlose Hilfe der ebenfalls in Marius verliebten Eponine, die ihre Rivalin Cosette in den Revolutionswirren zu Marius führt und dabei ihr Leben verliert.

Aufgrund der vielen Hauptrollen, die zudem immer doppelt besetzt waren, konnten sich mehrere Schülerinnen und Schüler besonders engagieren. Zudem hatte Regisseur Slava Rosentuller einzelne Szenen zu gesanglichen Dialogen zwischen den Solisten und dem Chor umgearbeitet, durch welche die inneren Konflikte der Protagonisten besonders lebendig und publikumswirksam zum Vorschein kamen. Auf diese Weise konnten auch einzelne stimmliche Mängel besonders der männlichen Sänger, die gerade den Stimmbruch bewältigt hatten, aufgefangen werden.

Mit dem mittlerweile traditionellen Projekt eines Fremdsprachenmusical in der 10. Klasse will die Erftstädter Waldorfschule den Schülerinnen und Schülern die Chance geben, nach den großen Umbrüchen in der Pubertät ihre Englischkenntnisse aufzugreifen und zu festigen. Musik, Gesang und Tanz helfen Jugendlichen in diesem Alter, sich zu öffnen und mit ihrer Verunsicherung zurechtzukommen, erklärt die Klassenbetreuerin. Dennoch liegt eine lange und intensive Probenzeit hinter der Klasse, schließlich galt es, neben den anderen Unterrichtsinhalten ein anspruchsvolles Musical zu erarbeiten. Vor allem der Gesang musste längerfristig einstudiert werden. „Ein Großteil der Schüler hat extra für das Musical seit drei Monaten Gesangsunterricht genommen“, so die Lehrerin, die gemeinsam mit vier Lehrern und Eltern viele zusätzliche Arbeitsstunden in die musikalische Einstudierung investiert hat und nebenbei auch noch die Abiturprüfungen stemmen musste.

Wichtig für die Umsetzung eines so anspruchsvollen Projektes sei die Bereitschaft der Schüler gewesen, sich der Musik ganz zu öffnen; einige seien dabei wirklich an ihre Grenzen gegangen und hätten dadurch ihre künstlerischen und sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten enorm gesteigert, berichtet die Klassenbetreuerin, die eigentlich in der Oberstufe Mathematik und Physik unterrichtet, weiter. Auch die vielfältige Unterstützung durch Lehrer, Eltern und Schüler auch anderer Klassen hat zum Gelingen des Projektes beigetragen, indem diese den Chor unterstützten, Beleuchtung, Kulissenbau, Kostümherstellung, Maske oder die Plakat- und Programmhefterstellung übernahmen.

In den knapp drei Wochen vor den Aufführungen waren täglich mehrere Stunden lang unter der professionellen Regie von Slava Rosentuller aus Stuttgart die schauspielerischen, gesanglichen und tänzerischen Parts zusammengefügt worden. Bei den Proben und Aufführungen erwies sich die mit erstaunlich großer Souveränität, Spielfreude und Musikalität aufspielende Begleitband um den frisch gebackenen Abiturienten des Humboldt-Gymnasiums Fabian Richter als wertvolle Stütze, wenn es bei dem ein oder anderen Solo oder Choreinsatz einmal kurzzeitig „hakte“. Schließlich standen ja keine Profis auf der Bühne und auch keine Theater-AG, sondern eine ganze Schulklasse.

Theaterprojekte, bei denen alle Schüler auftreten sowie öffentliche Schulfeiern mit Ausschnitten aus dem künstlerisch-kreativen Unterricht aller Klassen gehören zu den festen Unterrichtsinhalten der Waldorfschule. Neben dem Fremdsprachenmusical in der zehnten Klasse führt die sechste Klasse ein Singspiel auf, in der achten und zwölften Klasse steht jeweils ein großes Theaterstück auf dem Plan.

Nina Hellmann

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