"Weißt Du wer ich bin?"

06.07.2017 20:14

Klassenübergreifendes Eurythmie-Musik-Projekt

Eurythmie-Musik-Projekt

Der Bedarf, über das, was da war, was im Raum zwischen der Bühne und den Zuschauerreihen geschah, zu sprechen, war groß. Für beide Seiten. Denn es geschah wirklich etwas. Alle, klein und groß, jung und alt, Schüler und Lehrer, Zuschauer und Akteure, erlebten gemeinsam etwas. Etwas, das jeden Einzelnen erreichte und berührte. Etwas, das alle wie mit einem unsichtbaren Band verband. Die passiv Empfangenden und die aktiv Gebenden verschmolzen nach zwei kurzweiligen Stunden zu einer Einheit.

"Weißt Du, wer ich bin?“ war das Thema des eurythmisch-musikalischen Projektes, das die Freie Waldorfschule Erfstadt zusammen mit den Eurythmie-Studenten des ersten, zweiten und dritten Jahres der Alanus Hochschule Alfter unter der künstlerischen Leitung von Rob Barendsma auf die Beine stellten. Vertreibung, Flucht und Heimatsuche sind aktueller denn je. Sie sind gleichzeitig auch biographische Themen, die allgegenwärtig sind. Fremdes und Eigenes zu suchen, das Fremde als Bereicherung zu erkennen. Dies galt zum Ausdruck gebracht zu werden. Auch das Individuum ist auf der Flucht und auf der Suche nach Ankunft, nach Heimat, nach sich selbst.

Das Instrumentarium, das dazu verhalf, war vielseitig: Eurythmie-Einlagen, Gesang, Orchester, Chöre, Rhythmusgruppe, Pianisten, Percussion, Textcollagen, die Stille und immer wieder Johann Sebastian Bach.

Rob Barendsma und Ulrike Langescheidt eröffneten. Von den Schlägen einer Trommel angelockte Kinder in weißen Kleidern stürmten auf die Bühne. Deren tanzender und singender Kreis in Weiß erinnerte an ein indianisches Beschwörungsritual. Beim „Indianischen Lied“ bekam die zweite Klasse Unterstützung von den Sechstklässlern, die rennend die Bühne stürmten und als Schutz einen zweiten Kreis um den ersten kleinen, weißen, unschuldigen Kreis bildeten. Das Bild des Beginns, des Beginns einer Suche sind zwei kleine, spielende Mädchen in Weiß. Während die jüngsten Eurythmisten auf der Bühne einschlafen, setzt das Orchester ein, Leonie Kratzts klare Sopran-Stimme erhebt sich über die meditativen Bewegungen der Eurythmie-Gruppen der Schule und der Alanus Hochschule.

Mal der Trommel-Schlag, mal der Ton eines Gongs, kündigen das Neue an. Aber auch nahtlose und ineinanderfließende Übergänge führen in die einzelnen Szenen ein. Ewige Bewegung auf der Bühne-ewige Themen. Nach dem Menschenstrudel bleibt die Bühne frei für graue Menschen mit ausdruckslosen Masken. Kreise aus Menschen und Menschen, die immer wieder Kreise und Strukturen verlassen, legen die Masken ab, spielen den eigenen Tanz. „Überleben ist dem Schicksal zu entkommen. Aber wenn du dem Schicksal entkommst, welches Schicksal triffst du dann?“ Harmonische Gruppenbewegungen wechseln sich mit überraschenden, impulsgesteuerten ausdruckstarken Tänzen unter eigener Regie ab. Denn: „Mein Lied ist meine Art zu sagen, wer ich bin.“

Den Chor der Oberstufe der FWS Erftstadt, den Eltern-Lehrer-Chor WieWaldi und das Eltern-Orchester leiteten Natascha Kirchmann und Stefan Bromen. Die Eurythmie-Gruppe der 9. bis 12.Klasse der FWS Erftstadt entwickelte sich dank der professionellen Anweisungen vor Ulrike Langescheidt und Maike Adam. Die höhere Klasse Eurythmisten, die Alanus Studierenden, trainierten unter den geschulten Augen von Rob Barendsma, Andrea Heidekorn und Bart Kool. Rainer Herzog und Andreas Merziger waren für die schwarzweißen Tasten zuständig. Rhythmusgeber waren Leo Freitag, Reiner Herzog und Florian Hausotter. Der Idee und Stückeauswahl gehören Ulrike Langenscheidt und Rob Barensma.

Eine authentische und mit Tanz unterstützte Textcollage „Weißt Du, wer ich bin?“, die unter die Haut geht, bildete den Höhepunkt. In Schwedisch, Russisch, Englisch, Türkisch und Deutsch, mal mit leisen, mal mit lauten Tönen, mit verschiedenen Worten, Farben und Bewegungen war mal auf der Suche nach dem „Ich“ und mal nach dem „Du“.

Bachs „Herr, unser Herrscher“ sorgte für Energie, Schwung und Aufruhr. Mit dem Bild zweier Mädchen begann und mit dem Bild von 200 bunten Menschen hinter den zweien, Rücken an Rücken eingeschlafen und träumenden Mädchen, endete diese Suche. Dem stillen Bild folgte tosender und nicht aufhören wollender Applaus. Um einiges reicher und glücklicher wird nach diesem Spektakel der Sinne die Suche der 800 Menschen im Publikum alle Male.

Jana Peterhoff

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